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Eigentlich kann ja jeder ein paar Sätze zu Papier bringen, die irgendeinen (Un-)sinn ergeben, aber richtig schreiben ist schon ein bisschen mehr: Für mich ist es eine Form der Selbstklärung, eine Möglichkeit der Flucht in Traumwelten, ein Spiel mit den Möglichkeiten der Sprache und der Versuch, anderen Dinge auf eine spannende Weise zu sagen, die sie sich vielleicht nicht von jedem anhören würden, aber doch gerne von mir lesen.

 

Die meisten Gedichte, Prosatexte, Stücke und Drehbücher handeln von Liebe und Tod. Zumindest ist beides als Gedanke immer in den Worten dabei. Die Liebe zeigt die Sehnsüchte der Menschen, die oft unerfüllt bleiben. Der Tod ist allgegenwärtig und setzt allen Plänen ein Ende, deshalb fürchten wir ihn.

 

Vielleicht sind schreibende Leute irgendwie traurig über die Welt, in der sie leben, und sie geben dieser Melancholie auf eine Weise Ausdruck, die das Traurige wieder schön und genießbar machen kann. Das trifft auf den knalligsten Comic ebenso zu wie auf Shakespeare. Die Mitwelt verlangt von dir Bewährung. Was dir aber auf lange Sicht winkt, ist das Ende von allem - und du weißt nicht einmal, was es ist.
 

Geschriebene Wörter sind eine Form des Schweigens. Wenn du das hier liest, spreche ich ja nicht wirklich mit dir. Alles ist still, und du bist einsam, während du liest. Schreiben und Lesen ist der Vollzug des Schweigens durch die Sprache, und manchmal drücken Texte Dinge aus, die sie eigentlich gar nicht preisgeben. Das ist ein großes Geheimnis. Wirklich zu schreiben bedeutet, ein inneres Land zu betreten, das mir allein gehört, und das ich doch mit anderen teilen will.

Hier erfahrt ihr etwas über meine Text-Projekte, ich werde hier auch einige Geschichten, Gedichte und Songtexte hier posten.

 

 

 

Romane & Erzaehlungen

 

Eins meiner Romanprojekte findest Du bei den Comics auf dieser Webseite. Das liegt daran, dass ich sie als illustrierte und selbstgestaltete Hefte herausgebe. Es ist eine Heftserie namens "Sarogis". Dann gibt es noch die Erzählung "Dream Machine", die auch illustriert ist. Über beides findest du hier mehr.

Daneben schreibe ich auch noch Sachen, die ich nicht illustrieren will oder kann. Meine Zeit ist ja auch begrenzt, und meine Ideen jagen mich ein bisschen. Da ist zunächst mein Roman "Die Schatzsucher", der gerade in der Verlagswelt unterwegs ist und darauf wartet, als Buch gedruckt zu werden. Es ist ein ziemlich dicker Wälzer, ungefähr 600 Seiten. Die Geschichte hat sehr viel mit mir zu tun, deshalb hat es viel Spaß gemacht, sie zu erfinden.

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Dann gibt es noch mein neues Projekt "Dissident". Es wird wohl wieder ein umfangreicher Roman werden, diesmal im SF-Bereich angesiedelt. In einer fernen Zukunft, in der die Erde nicht mehr bewohnbar ist, leben Reste der Menschheit als Klone auf dem Mond in einer Art Kolonie. Dort herrscht eine feste, intolerante Ordnung. Es gibt nur noch fünf Typen von Männern, die nur dazu da sind, die Kolonie zu erhalten. Kunst, freies Denken, Humor und Neugier werden als gefährliche Abweichungen betrachtet. Wer sich dagegen geheim oder offen auflehnt, wird als "Dissident" gesehen, eliminiert und durch einen neuen Klon ersetzt, der genauso aussieht, aber nicht mehr abweicht. Im Geheimen bildet sich aber eine Gegenbewegung, die das ganze System in Frage stellt ...

Natürlich erinnert das Thema sehr an "1984" von Orwell und "Schöne neue Welt" von Huxley. Die Geschichte entwickelt sich aber im Laufe der Handlung in eine völlig andere Richtung. Die Mondkolonie ist nur der Ausgangspunkt. Ich gehe der Frage nach, ob es überhaupt möglich ist, unverwechselbar und einzig zu sein - und was einem Menschen übrig bleibt, wenn er die Gesellschaft hinter sich lässt. Ich will aber nicht zuviel verraten, um mich selbst beim Schreiben nicht zu sehr festzulegen. Vielleicht zeige ich später einmal hier ein Beispiel daraus.

 

 

 

Die Schatzsucher

Eine kurze Einführung

Die zweieiigen Zwillingsbrüder Mark und Sandro wachsen in den Sechziger und Siebziger Jahren als Söhne eines Schreiners auf. Von Anfang an versuchen sie, sich ihrer angeblichen Ähnlichkeit zu entziehen, weil sie unverwechselbar sein wollen. Das geht so weit, dass sie im Alter von etwa zehn Jahren eine Art Vertrag schließen, der absolute Unterscheidung verlangt. Sandro entwickelt sich zu einem lockeren Müßiggänger, der hinter den Erwartungen bewusst zurückbleibt. Er liebt laute Musik, lernt Gitarre spielen und gründet eine Band. Mark dagegen bewährt sich als guter Schüler, gibt sich unmusikalisch und träumt zuhause von einer Insel, die er finden will ...

 

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Folge 4

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Vater schimpfte auf die Kommunisten und die Amerikaner gleichermaßen. Er mochte die ,Amis’ nicht, weil sie Bäume entlaubten und Zivilisten mit Napalm bewarfen, und er hasste das ,rote Gesockse’, weil es gewalttätig, hinterlistig und grausam war. Die wahren Gründe des Krieges wurden nie wirklich diskutiert.

Das Bild des nackten vietnamesischen Mädchens, das vor einem Napalm-Angriff flieht, hatte ich als Jugendlicher immer wieder vor Augen. Es wurde für mich zu einer Zusammenfassung dessen, was der Krieg für mich war: ein unverständliches, schockierendes, gewaltsames Etwas, auf einer Ebene mit Naturkatastrophen und Autounfällen. Er passierte wie ein Unglück. Dass hinter allen blutigen Bildern klare Ziele standen, machte ich mir nicht klar. Deshalb überraschte mich eine Frage, die Sandro abends vor dem Fernseher an Vater stellte:

„Wer hat recht?“

„Keiner“, sagte Vater mürrisch. „Bei einem Krieg hat niemand recht.“

„Aber sie kämpfen doch um etwas.“

„Sie kämpfen darum, das Sagen zu haben.“

„Die ganz normalen Menschen, die tot weggetragen werden?“

„Nein, die fragt keiner. Es sind die amerikanische Regierung und die Befreiungskämpfer in Vietnam. Präsident Johnson und Ho Chi Minh.“

„Worum kämpfen sie denn?“

Vater atmete tief durch, weil er nicht genau wusste, wie er uns Kindern erklären sollte. Wahrscheinlich war ihm selbst der fragwürdige Sinn oder Unsinn dieses Krieges nicht wirklich klar. „Jeder von beiden glaubt, das Richtige für die Leute zu wollen. Aber es widerspricht sich, sie stehen auf verschiedenen Seiten. Deshalb kämpfen sie.“

„Dann kämpfen sie darum, wer recht hat“, stellte Sandro fest.

„So ähnlich“, sagte Vater. „Wenn auch nicht ganz so.“

„Und wer dann gewinnt, hat recht und das Sagen.“

„So ungefähr.“

„Und deshalb hat vor dem Ende keiner recht?“

„Nein. Auch nach dem Ende nicht.“

„Das versteh’ ich nicht.“

„Ich weiß. Aber du musst auch noch nicht alles verstehen, wenn du erst zehn Jahre alt bist.“

Das war einer der Sätze, die wir von Vater, der schwierige Diskussionen nicht mochte, des öfteren zu hören bekamen. Wenn er ausgesprochen wurde, hieß das unmissverständlich, dass ein Gespräch beendet war und wir uns mit etwas Anderem zu beschäftigen hatten. Damals gehorchten wir noch, aber ich spürte, dass Sandro nicht zufrieden war. Er fing immer wieder damit an.

„Wenn ich groß bin“, legte er fest, „werde ich auf jeden Fall nicht kämpfen.“

„Wenn es Krieg gibt, musst du“, gab ich zu bedenken. Mutter hatte mir erklärt, dass jeder junge Mann zum Militär musste, wenn sie auch nicht sagen konnte, warum. Wenn er nicht gehen wollte, musste er sich weigern und sein Gewissen prüfen lassen. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, was es hieß, wenn jemand das Gewissen eines anderen prüft, aber ich war sicher, dass das schlimmer war, als Soldat zu werden – solange es keinen Krieg gab.

„Was wollen sie machen, wenn ich nicht kämpfe?“

„Sie werden dich abknallen. Wie die Leute da im Fernsehen.“

Sandro sagte nichts dazu und zuckte mit den Schultern. Er wusste, dass nicht zu kämpfen genauso gefährlich war wie Krieg. Er wusste auch, dass die vietnamesische Zivilbevölkerung nicht kämpfte und trotzdem angegriffen wurde.

Als wir sechzehn Jahre alt waren und die Frage der Einberufung langsam mehr als interessant wurde, war ich es, der Sandro vorsichtig auf seine Absichten hin abklopfte.

„Ich werde verweigern“, sprach er entschieden. „Das war für mich von Anfang an klar.“

„Du weißt, was das für mich heißt.“

„Was meinst du?“ Diesmal schien er, der schlaue Sandro, wirklich nicht zu begreifen.

„Dass ich zum Bund muss. Denk an unser Abkommen.“

„Keiner sagt, dass du zum Bund musst.“

„Wenn wir getrennte Wege gehen wollen, schon“, half ich ihm auf die Sprünge.

Er nickte. An seinem abwesenden Blick sah ich, wie er nachdachte. „Eine Möglichkeit gibt es schon noch“, sagte er dann.

„Welche meinst du?“

„Du könntest untauglich sein. Kein Mensch kann dann behaupten, du hättest es nicht versucht.“

Ich musste lachen: Er kam gar nicht auf die Idee, dass er selbst untauglich sein könnte. Für sich schien er gesündeste und widerstandsfähigste Typ zu sein, den es gab. Er lachte selbst, als ich ihn über die Gründe für meine plötzliche Heiterkeit aufklärte.

„Trotzdem: Ich lasse ich es nicht darauf ankommen“, sagte er. „Stell’ dir vor, ich bin tauglich. Wenn ich dann verweigere, unterstellen sie mir ,gewisse Gründe’.“

„Und ich – bin einfach untauglich. Da bist du dir sicher!“

„Nicht sicher, aber ziemlich überzeugt. Geh’ doch vorher mal einfach zum Arzt und frag’ ihn. Fragen kostet ja nichts.“

Ich musste über Sandro den Kopf schütteln, weil ich der Meinung war, dass er so etwas vorschlug, weil es ihn selbst nicht betraf. „Ich gehe zu ihm rein und sage: ,Ich habe keine Lust zum Bund zu gehen! Schauen Sie zu, dass sie etwas an mir finden!’“

„Quatsch: Du sagst, du willst eine Bergtour unternehmen, mit schwerem Gepäck - und dich vorher checken lassen. Da wird er dir schon sagen, was Sache ist!“

Sandro hatte wie immer recht. Unser Hausarzt, Dr. Findling, riet mir ab. Meine Wirbelsäule sei durch mein Hohlkreuz extrem überlastet und verschoben, außerdem sei mein Kreislauf instabil. Ich fragte ihn nebenher, wie es dann mit dem Bund sei.

„Sie sind mit Sicherheit nicht tauglich. Da gebe ich Ihnen Brief und Siegel!“

Natürlich war das noch keine Garantie dafür, dass ich ungeschoren davonkam. Doch Sandro war der Meinung, dass sowieso nur jeder Zweite genommen werden würde, weil wir zu den geburtenstarken Jahrgängen gehörten. Er hatte sich die Denkweise der Verwaltung und des Militärs vollkommen zu eigen gemacht, was mich erschreckte. Menschen waren nicht mehr als Material, und wenn es zuviel davon gab, konnte man den Überschuss über Bord kippen. Als mir der Gedankengang klar wurde, rieselte es mir eiskalt den Buckel hinunter, besonders, wenn ich daran dachte, was ich vor mir hatte: Die Ungewissheit, bis ich endlich den Bescheid vor mir liegen hatte.

Die Musterung war ein schulfreier Tag auf dem Kreiswehrersatzamt, mit Pinkelgläsern, Kniebeugen, Augen- und Ohrentests, Messungen von Größe und Gewicht, Röntgenbildern. Obwohl ich einen unangenehmen Druck im Magen spürte, war das alles in allem recht unterhaltsam. Ich wurde gebeten, noch eine Weile zu bleiben. Meine Schulfreunde hatten ihr Ergebnis bereits in der Tasche: Zwei von ihnen waren untauglich, der eine wegen extremer Kurzsichtigkeit, der andere aufgrund einer Knochenkrankheit, die er hatte nachweisen können.

In der orthopädischen Abteilung wartete ich ewig. Zuletzt saß ich allein im Wartezimmer und um mich herum war alles unangenehm still, was ich mir nur so erklären konnte, dass man mich schlicht und einfach vergessen hatte.

Es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich so verhielt. Als ich nach dem Klopfen an der nächsten Tür keine Antwort bekam, machte ich einfach auf - und sah einen der Ärzte mit einer Frau auf dem Schoß dasitzen. Sie schienen schon ihren Feierabend zu feiern und beachteten mich zunächst überhaupt nicht. Erst, als ich laut auf mich aufmerksam machte, drehte sich die Frau nach mir um.

„Da scheinen wir ja einen vergessen zu haben!“

„Ach ja, Sie! Gehen Sie über den Flur bis zu der Glastür und klopfen Sie dort!“

Sie wandten sich sofort wieder ihrer unterbrochenen Beschäftigung zu.

Hinter der Glastür wiederholte sich das Spiel zwar nicht, ich wurde dort allerdings etwas mürrisch erwartet, musste mich vorbeugen, rückwärts beugen, seitwärts beugen. Der Arzt verschwand und kam nach ein paar Minuten mit dem Kollegen zurück, der die Sekretärin auf dem Schoß gehabt hatte. Abwechselnd betasteten sie mein Hohlkreuz und gaben die Namen bekannt, die ihnen zu der Sache einfielen. Einer fragte mich, ob ich schon als Kind Probleme mit dem Rücken gehabt habe, was ich wahrheitsgemäß bejahte.

„Sie können sich wieder anziehen!“

„Wann werde ich Bescheid bekommen?“ wollte ich wissen.

„Eine Woche kann es schon dauern. So bald wie möglich.“

Die nächsten vierzehn Tage, besonders die zweite Woche, waren schrecklich. Ich konnte kaum an etwas anderes denken als an den Bescheid und fragte dauernd nach, ob jemand ein Kuvert für mich im Briefkasten gefunden habe.

„Du bist mit Sicherheit dran vorbeigekommen“, überzeugte mich Sandro. „Was du da erzählt hast, klingt nach einer medizinischen Seltenheit. Die schauen sich nur genau die Bilder an, bevor sie sich melden.“

Es war der fünfzehnte Tag, als ich das Kuvert im Briefkasten fand. Minutenlang war ich nicht in der Lage, es aufzumachen. Ich zitterte regelrecht, aus Furcht vor der Wahrheit.

„Tauglichkeitsgrad 5“, las ich. „Begründung: Wirbelsäule“. In Wahrheit hatte ich nicht den Schwarzen Peter, sondern das Große Los gezogen. Sandro war es, der sein Gewissen prüfen lassen musste. Und es war mir gleich klar gewesen, dass diese Prozedur die schwierigere war. Er redete nicht sehr viel darüber, vorher nicht und nachher auch nicht, außer dass er es „schlicht idiotisch“ nannte. Ich kann mir nicht denken, dass er bei seiner Denkweise ein großes Problem hatte, sie zu übertölpeln. Mit Sicherheit hat er sie nicht mit der Wahrheit gefüttert, dazu war er zu schlau. Denn ein Friedensengel war er nie. Im Nahkampf erwies er sich schon früh als der Geschicktere – er besiegte mich immer, obwohl ich genauso stark war wie er. Regeln bedeuteten ihm wenig, das war immer sein Vorteil.

Schon bald nach seiner Verweigerung überraschte er uns damit, dass er Sympathien für die RAF bekundete. Vor allem für Vater war das ein Schlag ins Gesicht. 

„Du verweigerst den Kriegsdienst – und jetzt findest du diese Verbrecher gut?“

„Du spinnst“, diagnostizierte ich kurz.

„Ich finde sie nicht gerade gut“, räumte Sandro gnädigerweise ein. „Aber gewisse Sympathien habe ich schon für sie.“

„Weil du sie persönlich kennst“, spottete ich, „und weil du weißt, dass sie im Grunde nette, harmlose Menschen sind.“

„Kaufhäuser in die Luft sprengen, Menschen entführen! Ist es das, was du unter Frieden verstehst?“ polterte Vater und zog an seiner Pfeife.

„Nicht gerade das. Mir gefällt es auch nicht, wie sie es machen. Es gefällt mir, dass sie überhaupt etwas machen.“

„Was machen sie denn?“ fragte Vater ironisch.

„Sie leisten Widerstand.“

„Widerstand wogegen? Hier gibt es die größte Freiheit, die man sich vorstellen kann! In keinem anderen Land der Welt gibt es so wenige Gründe, sich gegen den Staat zu wehren. Wir sind frei. Die drüben, die der Bande Unterschlupf gewähren, die unterdrücken die Menschen. Dort sollten sie Bomben werfen!“ Er ereiferte sich richtig. Als Kind hatte er den Krieg erlebt, sein Onkel war eine zeitlang von der Gestapo beobachtet worden, weil er bei der Zeitung arbeitete. Er wurde immer sehr nervös, wenn Kritik an der deutschen Gegenwart geübt wurde.

Sandro blieb ruhig. Wahrscheinlich wusste er nur zu gut, dass seine Argumente auf einer dünnen Grundlage standen. Er wollte Vater auch nicht herausfordern, dazu war er doch zu sehr Pazifist. Ihm war daran gelegen, sich verständlich zu machen, und er war auch überzeugt, dass wir in der Lage waren, seine Gedanken zu verstehen.

„Sie wollen diese Kälte ändern“, sagte er. „Aber sie wissen nicht, wie. Wahrscheinlich sind sie einfach Verzweifelte.“

„Auf Ulrike Meinhof mag das zutreffen. Aber nicht auf Andreas Baader. Der ist schlicht ein Bandit.“

„Nein: ein Widerstandskämpfer. Er ist Teil der Guerilla“, verbesserte Sandro. Ihm war nicht beizukommen. Den Begriff „Guerilla“ benutzte er nur, weil die RAF sich selbst so betrachtete. Er selbst bevorzugte den Ausdruck „Desperado“: Verzweifelte, die als Wegelagerer leben müssen. Ich glaube, so ähnlich sah er auch sich selbst. Daher seine Sympathie.

Soviel ich weiß, war er nie an irgendwelchen obskuren Sachen beteiligt. Man verdächtigte ihn zwar, gewisse Verbindungen zum Untergrund zu haben, als er anfing, in Springerstiefeln und NATO-Jacke herumzulaufen, aber das taten fast alle. Es war nur Show – oder, wenn man will, seine Art von Widerstand gegen die gepflegte Langeweile. Sandro hatte ein großes Mundwerk, aber er war friedlicher als eine Taube. Schwerer wog schon der Vorwurf, den ich da und dort im Dorf aufschnappen konnte: Dass er heimlich Drogen konsumierte. Dieser Vorwurf attackierte zwar jeden jungen Mann, dessen Haare etwas weiter über die Ohren gingen, bei Sandro traf es aber mit Einschränkungen auch zu. Er hatte gewisse Verbindungen zu Gleichaltrigen, die wussten, woher sie ihr Kraut kriegen konnten. Ich glaube nicht, dass er es regelmäßig konsumierte – aber ich weiß auf jeden Fall von einem Mal. Seine Kumpane waren dabei, und wahrscheinlich hatte es einer von ihnen mitgebracht. Sandro rauchte es so selbstverständlich wie die anderen, wohl um nicht feige zu wirken. Was ihn entschuldigt: Ich bin selbst auch dabei gewesen und habe auch versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Außer ein bisschen Kopfweh und einem komischen Geschmack im Mund kam nicht viel dabei heraus.

Vermutlich stand er John Lennon immer noch wesentlich näher als irgendeinem gefährlichen Vogel im deutschen Untergrund. Seine Haare wuchsen ihm lang ums Gesicht und um den Hals herum, aber sie waren gepflegt, das muss man ihm lassen. Für mich sah er immer ein bisschen aus wie Lennon auf dem Porträt zum Weißen Album. Auch sein sanfter, etwas weltfremder Blick passte dazu. Sandro hätte auch, wie sein Idol, den Member Of  British Empire zurückgegeben, um seinen Protest gegen die Politik seines Staates auszudrücken. Wahrscheinlich bedauerte er es, dass es in Deutschland so eine Auszeichnung nicht gab, und zwar nur aus diesem Grund: Weil er dann darauf verzichtet hätte. An das Bundesverdienstkreuz dachte er gar nicht.

Damals war häufig Franz Josef Degenhardt aus Sandros Zimmer zu vernehmen, der den gut gemeinten Rat gab, nicht mit den Schmuddelkindern zu spielen. Nach seiner Verweigerung hatte fast alles bei ihm den Beigeschmack des Politischen, ohne dass er sich jemals an einer direkten Aktion beteiligte. Ich wusste, worum es ihm ging: um die Haltung – und darum, sie vor anderen zu dokumentieren. Häufiger als die ,progressiven’ Parolen deutscher Liedermacher waren immer noch die Beatles zu hören – und John Lennon, den einzigen Ex-Beatle, den er akzeptieren konnte:

„Jeder redet gerade über Dies-ismus und Das-ismus ...

Alles was wir sagen, ist: Gebt dem Frieden eine Chance!“

Manchmal denke ich, er wollte ein zweiter John Lennon werden, doch es wurde nichts daraus: Er lernte keine Asiatin kennen, er probierte es nicht mit dem Janov’s Urschrei, er beteiligte sich nicht an linken Demonstrationen. Vielleicht hatte er sich vorgenommen, einen ähnlich verschlungenen Weg durch seine eigene Zeit zu gehen wie Lennon - also kam es für ihn darauf an, die eigene Zeit richtig zu durchschauen.

Mir blieb jedenfalls nichts anderes übrig, als Paul McCartney und seine Wings zu mögen, denn ich war Sandros Bruder und die Kehrseite der Medaille. Es fiel mir nicht schwer: Mir war ,Hey Jude’ schon immer lieber gewesen als ,Bungalow Bill’, und auch ,Michelle’ gefiel mir mehr als ,Julia’. John hatte sicher die besseren Texte und war so etwas wie ein proletarischer Intellektueller, aber Paul schrieb die schöneren Melodien zum Mitsingen, die Liedchen mit dem besonderen Charme. Bei mir also hörte man „Band On The Run“ und Maybe I’m Amazed“, bei Sandro „Imagine“ und „Instant Karma“. Glücklicherweise hatten wir inzwischen getrennte Zimmer. Die Beatles lebten getrennt, also auch wir, so gehörte sich das.

 

 

 

 

 

 gedichte

 

Es gibt Leute, die glauben, ein Gedicht müsse sich auf jeden Fall reimen. Was sich nicht reimt, wäre dann eher eine sehr kurz geratene Erzählung oder einfach ein Text. Andere meinen, die Zeit der Reime sei schon lange vorbei, und wer noch nach Wortendungen sucht, die gleich klingen, sei ein Stümper.

Das ist natürlich alles Quatsch. Bis heute gibt es Schreiber, die sehr viel reimen, wenn es passt. Meistens passt es, wenn ein Gedicht nicht ganz ernst gemeint ist und irgendetwas locker aufs Korn nimmt. Reine Zeilenlyrik hat oft etwas Fernöstliches, wirkt irgendwie nachdenklich und verträumt. Aber so etwas lässt sich nicht festlegen und ist eine Frage der Laune, der Absicht oder des Geschmacks.

Ich reime meistens, wenn ich einen Text vertonen will, weil es dann leichter ist, eine Melodie zu finden. Bis heute kann ich nicht entscheiden, welche Form die bessere ist, und ich schreibe schon seit vielen Jahren. Hier zwei Beispiele: ein gereimtes Gedicht und ein ungereimter lyrischer Text. Ich habe sie ausgewählt, weil sie anscheinend mit demselben Thema umgehen. Ganz sicher kann ich da allerdings auch nicht sein ...

 

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gotteskind

 

lass dich ein und setz dich aus
komm aus deinem schneckenhaus
spring herum, leicht und geschwind -
und dann sei ein gotteskind!

gib nicht auf und schau nicht zu
bleib bei allem wirklich du
stell dich mitten in den wind -
und dann sei ein gotteskind!

lass dich stoßen, lass dich stauchen,
dich erpressen und missbrauchen,
lass dich knechten wie ein rind -
und dann sei ein gotteskind!

 

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ewiges kind

 

wie pippi langstrumpf
glaube ich an die welt
die ich mir selbst erträume

wie peter pan
weigere ich mich
auf dem boden zu bleiben


ich schwebe
mit meinem affen
auf meinem pferd
hoch oben über den dächern
und suche die elfen
in meinem schädel

ihr habt recht
das sehe ich schon
weiter komme ich nicht
und in euren fenstern
sieht das licht zärtlich aus

aber die aussicht ist gut

 

 

 

 

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